Symposion vom 5. bis 7. Oktober 2006
   in der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt,
   im Gebäude der Zentralbibliothek, Universitätsallee 1, Raum 141
  Von Lessing über Rückert bis Thomas Mann –
Die Weltreligionen und die Deutsche Literatur

   Eine Veranstaltung der Rückert-Gesellschaft e.V. ,
   des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Katholischen Universität    Eichstätt-Ingolstadt und der Universitätsbibliothek Eichstätt.

Das Symposium wird gefördert von der
Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten


   Die Tagung ist öffentlich

Lag bei der früheren Auseinandersetzung mit fremden Religionen das Hauptaugenmerk fast ausschließlich auf dem Gebiet der Apologetik, so begannen innerhalb der deutschen Literatur der Aufklärungszeit mit Lessings »Nathan der Weise« (1779) erstmals die Gesichtspunkte des Verstehens und der religiösen Toleranz in den Vordergrund der Betrachtung fremder Religionen zu treten. Ausgehend vom »nächstliegenden Fremden«, dem Judentum, eröffnete sich bald ein weites Feld intensiver Beschäftigung mit den Weltreligionen.

War aber noch Goethe bei seiner Beschäftigung mit dem Islam und der persischen Literatur auf die Mittlertätigkeit des Übersetzers angewiesen, so traten mit dem anbrechenden 19. Jahrhundert Gestalten wie Friedrich Schlegel (1772-1829) oder Friedrich Rückert (1788-1866) in Erscheinung, die sich die profanen und heiligen Schriften des indischen und islamischen Kulturraums nicht nur im Urtext zu erschließen vermochten, sondern ihre Lesefrüchte auch bewusst literarisch um- und einzusetzen verstanden.

Angesichts der Herausforderungen einer immer weiter um sich greifenden Globalisierung und der gleichzeitig wachsenden Furcht vor dem von Huntington prophezeiten »Krieg der Kulturen« liegt es für die Rückert-Gesellschaft e.V. nahe, das Wie und Warum der Rezeption von fremder Religion und Kultur durch die Literatur vom späten 18. bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts (etwa bei Döblin, Hesse oder Thomas Mann u. a.) genauer zu untersuchen. Bei dem Symposion sollten deshalb die Protagonisten, ihre Beweggründe, die Reaktionen des Literaturmarktes sowie die geistesgeschichtlichen Folgen, literarästhetischen Phänomenbildungen und nicht zuletzt die wissenschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen dieser sich neu bildenden Text- und Formenwelten im Mittelpunkt stehen. Ebenfalls vorstellbar sind aber auch Fragestellungen wie die, welche Bedeutung die Rezeption und Vermittlung fremder Religionen für die Antwort der Dichter und Literaten auf ihre eigene »Gretchenfrage« hatte, oder welcher Spielraum für interreligiöse Toleranz in einem Land der extremen konfessionellen Spaltung überhaupt vorhanden war. Schließlich wäre mit Blick auf einen speziellen Aspekt der indirekten, aber weit reichenden Wirkungsgeschichte Rückerts zu fragen, welche Auswirkungen auf die Wahrnehmbarkeit von Religion durch Literatur jene beiden Typenbildungen religionskultureller Transformation hatten, die maßgeblich eben durch zwei Hörer Rückerts verwirklicht wurden: die außertheologische Verwissenschaftlichung und Vergleichgültigung der Religionen in Max Müllers (1823-1900) Vergleichender Religionswissenschaft einerseits, ihre kulturkritische Zuspitzung und nationalreligiöse Verengung im Werk Paul de Lagardes (1827-1891) andererseits.

Die Ergebnisse werden in einem Tagungsband publiziert.

Programm

   Donnerstag, 5. Oktober 2006

Diskussionsleitung: Prof. Dr. Thomas PITTROF (Eichstätt)

   9.00 Uhr
Prof. Dr. Wiebke WALTHER (Tübingen):
Das Bild des Christen und Juden in der arabischen Literatur

   9.45 Uhr
Silvia HORSCH (Berlin):
Der Islam als Vehikel der Kritik bei Lessing

   10.15 Uhr
Dr. Stephan EBERLE (Halle-Wittenberg):
Lessing und Zarathustra

   10.45 Uhr: Diskussion (WALTHER/HORSCH/EBERLE)

   11.15 Uhr: Kaffepause

   11.30 Uhr
Dr. Rüdiger SINGER (Göttingen):
Über Herders Schrift »Vom Geist der Ebräischen Poesie«

   12.00
Dr. Pierre Kodijo NENGUIÉ (Yaoundé):
Religionssynkretismus in Goethes Balladen

   12.30 Uhr: Diskussion (SINGER/NENGUIÉ)

   13.00-15.00 Uhr: Mittagspause

Diskussionsleitung: PD Dr. Andreas Urs SOMMER (Greifswald)

   15.00 Uhr
Prof. em. Wolfdietrich FISCHER (Erlangen):
Die Wahrnehmung des Orients in der deutschen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

   15.45 Uhr
Dr. Ralf-Georg CZAPLA (Heidelberg):
Religion und Mythologie der Inder – A. W. Schlegel als Übersetzer und Vermittler vedischer Dichtung

Dr. Daniel WEIDNER (Berlin):
Die Bibel schreiben: Hebel, Rückert, Renan und die Evangelien

   16.45: Teepause

   17.15-17.45 Uhr: Diskussion (FISCHER/CZAPLA/WEIDNER)

   19.30 Uhr: Hofgartenbibliothek:
Eröffnung der Ausstellung »Wirkungen Rückerts«

   Begrüßung
durch den Präsidenten der KU Eichstätt-Ingolstadt,
Prof. Dr. Ruprecht WIMMER
und durch die Direktorin der Universitätsbibliothek,
Ltd. Bibl.-Dir. Dr. Angelika REICH

   Öffentlicher Abendvortrag
Prof. Dr. Hartmut BOBZIN (Erlangen):
Rückerts Koranübersetzung


   Freitag, 6. Oktober 2006

Diskussionsleitung: Rudolf KREUTNER M.A. (Schweinfurt)

   9.00 Uhr
Pierre MATTERN (Offenburg):
Moses als Freiheitskrieger? Zur Ambivalenz des Exodus in Ernst Moritz Arndts »Ansichten und Aussichten der deutschen Geschichte«

   9.30 Uhr
Joël GISKES (Amsterdam):
Ein deutschgesinnter Gott als Legitimationsinstanz in Friedrich Rückerts »Geharnischten Sonetten«

   10.00 Uhr: Diskussion (MATTERN/GISKES)

   10.30 Uhr: Kaffepause

   11.00 Uhr
Marcel KRINGS (Paris):
Die entgötterte Welt. Religion und Ökonomie in Goethes »Lehrjahren«

   11.30 Uhr
PD Dr. Bernd HAMACHER / Myriam RICHTER M.A. (Hamburg):
Goethe als National- und/oder Weltreligion der Germanisten – Überlegungen zu Richard M. Meyer

   12.00-12.30 Uhr: Diskussion (KRINGS/HAMACHER/RICHTER)

   12.30-15.00 Uhr: Mittagspause

Diskussionsleitung: Dr. Ralf-Georg CZAPLA (Heidelberg)

   15.00 Uhr
PD Dr. Urs Andreas SOMMER (Greifswald):
Religionsfunktionalisierungen. Paul de Lagarde – Friedrich Nietzsche – Thomas Mann

   15.30 Uhr
Dr. Friedrich SCHMIDT (Frankfurt/Main):
» [...] gegen den Gekreuzigten«? – Kontrafaktur und Rekurrenz christlichen Denkens bei Friedrich Nietzsche

   16.000 Uhr: Diskussion (SOMMER/SCHMIDT)

   16.30: Teepause

   17.00 Uhr
Julia MANSOUR, M.A. (Stuttgart):
»Ein unermeßliches Trümmerfeld religiöser Traditionen« – Religion, Dichtung und Metaphysik in Wilhelm Diltheys Weltanschauungslehre

   17.30 Uhr
Dipl.-Germ. Thomas HOMSCHEID (Bamberg):
»Ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen ...« – Der homo academicus reflektiert das Religiöse – von Friedrich Rückert bis Gottfried Benn

   18.00-18.30 Uhr: Diskussion (MANSOUR/HOMSCHEID)

   19.30 Uhr: Domherrenhof, Domplatz 5: Gemeinsames Abendessen


   Samstag, 7. Oktober 2006

Diskussionsleitung: Dr. Bernd HAMACHER (Hamburg)

   9.00 Uhr
Dr. Ursula KOCHER (Berlin):
»Stille sein, nicht widerstreben, kann ich es denn?« – Zur Präsenz der Religionen Indiens und Chinas in den Werken deutschsprachiger Autoren des 20. Jahrhunderts

   9.45 Uhr
Dr. Michael OSTHEIMER (Chemnitz):
Döblins Konfuzius-Rezeption – Ein Modellfall für die Aneignung chinesischer Kultur?

   10.15 Uhr
PD Dr. Gesine Lenore SCHIEWER (Bern):
Shivas Sprache tanzt. Zur Rezeption indischer Sawitri-Epik in Alfred Döblins »Manas«

   10.45 Uhr: Kaffepause

   11.15 Uhr: Diskussion (KOCHER/OSTHEIMER/SCHIEWER)

   11.45 Uhr
Miriam ALBRACHT (Düsseldorf):
Das Eigene und das Fremde: Assimilation als Ideal in Thomas Manns Roman »Joseph und seine Brüder«


   12.15-12.45 Uhr: Diskussion (ALBRACHT)

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