Friedrich Rückert und der Almanach
Ausstellung vom 25. Juni bis 1. Oktober 2000
  »O sehet her! die allerliebsten Dingerchen...«

Illustration zu Friedrich Rückerts Gedicht "Die Todtenäcker" im "Deutschen Musenalmanach" 1840
Eine Veranstaltung der
BIBLIOTHEK OTTO SCHÄFER, des
Stadtarchivs Schweinfurt, der
Städtischen Sammlungen Schweinfurt und der
RÜCKERT-GESELLSCHAFT E.V.


Die Mode kam aus Frankreich und setzte sich mit rapider Geschwindigkeit durch: Kleinformatige, liebevoll ausgestattete Jahrbücher und Taschenkalender mit literarischen Beiträgen eroberten die Sympathie der Leser. Seit sich in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts der Musenalmanach etabliert hatte, avancierte der Almanach zum wichtigsten Publikationsforum für deutschsprachige Literaten. Kaum ein namhafter Schriftsteller der Klassik und Romantik ist zu finden, dessen Werke nicht zuerst - wenigstens in Kostproben - in einem der literarischen Almanache erschienen sind: Goethe erkennt schnell die Werbewirksamkeit des neuen Mediums, Hölderlin läßt seine Muse aus dem Almanach sprechen, das erzählerische Werk von Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Joseph von Eichendorff bis zu Adalbert Stifter lernte zuerst der gut informierte Taschenbuch-Leser kennen.

Vielleicht mag man so viel an geistigem Gehalt den netten Büchlein und ihren harmlosen Titeln wie »Frauentaschenbuch« und »Iris« auf den ersten Blick gar nicht zutrauen. Freilich wollten die Almanache ihre Leser und Leserinnen auch über neue Modeentwicklungen und Tanzschritte informieren, mit Rätseln und anderen Gesellschaftsspielen unterhalten und sie auch belehren, etwa über die Genealogien der europäischen Fürstenhäuser, über Geschichte, Geographie und Ethnologie: Sie sind Panoptikum der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts! Der Almanach spiegelt das Geselligkeitsideal gebildeter Kreise wider, wie es in Salons und Teekränzchen, in Lesezirkeln und Hausmusikkreisen gepflegt wurde. Im Almanach wird gleichzeitig bürgerliche Kulturpolitik betrieben.


Dazu bemühen sich Verleger, das Niveau der Ausstattung hoch zu halten: Edle Maroquin-Einbände, Seidenmalerei und Emailarbeiten faszinieren heute genauso, wie sie im 19. Jahrhundert zum Verschenken verlockten. Erstklassige Titelkupfer, Stiche und Illustrationen namhafter Künstler steigerten die Attraktivität: Italienische Renaissance-Kunstwerke werden en minature vorgestellt, Weltliteratur wird illustriert, Gedichte erhalten phantasievolle Rahmen.


In fünf Abteilungen macht die Ausstellung die kulturgeschichtlichen Aspekte augenscheinlich: die vielfältigen Erscheinungsformen des Almanachs, sein soziales Umfeld, seine literaturgeschichtliche und seine buch- und verlagsgeschichtliche Bedeutung. Gerade Friedrich Rückerts literarisches Werk ist ohne diese Publikationsform kaum denkbar. Dem jungen Dichter sicherten die Honorare dieser Erstveröffentlichungen eine gewisse Existenzgrundlage, er betätigte sich selbst als Almanach-Herausgeber und entwickelte langsam, aber doch erkennbar, ein Gespür für die Werbewirksamkeit dieses Mediums. Die Bestände aus der Sammlung Rückert des Stadtarchivs Schweinfurt erlauben dem Ausstellungsbesucher einen tieferen Einblick in die Geheimnisse der Dichterwerkstatt: Der erstaunliche Wandlungsprozeß eines Gedichts oder eines ganzen Werks vom Manuskript über die Erstveröffentlichung im Almanach bis zum Werkdruck im Buch ist Stufe für Stufe zu beobachten.
Die Ausstellung wird von dem museumspädagogischen Projekt: »Rückert für Kinder« (Städtische Sammlungen, Frau Friederike Kotouc) begleitet.

Katalog: Georg Drescher, Rudolf Kreutner und Claudia Wiener [Hrsgg.]: »O sehet her! die allerliebsten Dingerchen ...« – Friedrich Rückert und der Almanach (= Rückert zu Ehren X). Würzburg: Ergon Verlag 2000. 128 S. € 18,00.
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